St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 53

Euw Anton von, Die St. Galler Buchkunst vom 8. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts, Band I: Textband, St. Gallen 2008 (Monasterium Sancti Galli, Bd. 3), S. 425-431, Nr. 108.
ÜbersichtFaksimilePDF anzeigenXML anzeigenBeschreibung druckenHandschriftentitel: Evangelistar (Evangelium longum)
Entstehungsort: St. Gallen
Entstehungszeit: um 895
Alternative Bezeichnung: Evangelium longum
Katalognummer:
108
Umfang:
305 (308) pp. (154 Bll.)
Format: 39,5 x 23,2 cm
Lagenstruktur:
Regelmäßige Quaternionen: A
4 (fol. 1 beschnitten
u. mit 2 auf den Vorderdeckel geklebt), fol. 3-4 = p.
1-
4, 1
8-18
8, 19
8-1 (p.
293-305 + nicht gezählt 306-308); p. 305/306 u. 307/308 beschnitten u. auf den Rückdeckel geklebt,
Seiteneinrichtung:
Schriftspiegel 27 x 16 cm, einspaltig zu 29 Zeilen.
Schrift und Hände: ausgeglichene karolingische Minuskel von einer Hand.
Buchschmuck: Die Schrifthierarchien sind den Festrängen angepasst u. wechseln daher. Kopfzeile mit Lektionsdatum bei hohen Festen mit Initiälchen, sonst in Capitalis, Uncialis u. Rustica mit Minium, golden schattiert; Evangeliensequenz nach dem Evangelisten in Rustica mit Minium; Praeambeln in Rustica mit golden schattierten Anfangsbuchstaben. Zu den hohen Festen große Initialen in Gold u. Minium, erste Zeile mit Initiälchen, nachfolgende Zeilen in Capitalis, Uncialis u. Rustica mit Minium, golden schattiert. Titel- u. Initialzierseiten mit Initialen in Gold, Silber u. Minium, Einsatz von Purpur. Sämtliche Satzanfänge haben golden schattierte Majuskeln.
Einband:
-
Vorderdeckel: Eichenholz (39,8 x 23,5 x 1,7 cm) mit Vertiefung für die Elfenbeintafel (32 x 15,5 x 0,9-1,2 cm), Rahmen getriebenes Goldblech, gemugelter Steinschmuck auf Arkaden- u. Ringfassungen, Filigran, Treibarbeit. Die Elfenbeintafel zeigt drei horizontale Felder im Verhältnis 1:2:1, oben u. unten querlaufende symmetrische Doppelranken, das Mittelfeld durch Schriftbalken mit der Inschrift HIC RESIDET XPC. VIRTV/TVM STEMMATE SEPTVS gerahmt. Im Zentrum der Diagonalen jugendlich-bartlos Christus auf dem hohen Thron, von der Mandorla umgeben, die Füße auf dem querliegenden Suppedaneum, in der erhobenen Rechten (!) das Buch, die Linke mit der offenen Handfläche auf gleicher Höhe, hinter dem Haupt durchgehend ein Schriftbalken mit den Buchstaben Alpha u. Omega, zu den Seiten der Mandorla je ein sechsflügeliger Cherubim mit Reihen von kreisrunden Augen auf den Flügeln; über der Mandorla gegenständig die Symbole von Johannes u. Matthäus, darunter die der Apostelschüler Markus u. Lukas; in den Ecken, der Mitte zugewandt, sitzend die Evangelisten in Gestalt auf gepolsterten Thronen schreibend, federspitzend u. nachdenkend, übereck gestellte Häuser u. Türme sowie Rundtürme als Erinnerungen an ihre Wirkensstätten begleiten sie; dazwischen unten personifiziert die irdischen Elemente Oceanus, auf dem Ketos lagernd u. auf die Amphore gestützt, aus der das Wasser fließt, rechts Tellus mater mit dem Füllhorn u. dem Kind an der Brust, zu den Füßen ein Pilzbaum, oben über den Symbolen gegenständig als Dreiviertelfiguren Sol mit erhobener Fackel, ebenso Luna, in der Linken einen Siegeskranz haltend. Profilierter Rahmen mit Wulst, Kehle, Wulst, Graben u. Wulst; im Graben zwölf Löcher zur Befestigung mit perlkranzgefassten Goldstiften, deren Köpfe versilbert sind.
-
Rückdeckel: Eichenholz (39,8 x 23,5 x 1,8 cm) mit Vertiefung für die Elfenbeintafel (32 x 15,4 x 1 cm), Rahmen getriebenes Goldblech mit Blattornamentfolgen, rahmende Perlschnüre, in den Ecken anstelle ursprünglicher Goldemails (?) unten Nielloplättchen der Evangelisten Lukas u. Markus (13. Jh.), die oben fehlen. Die Elfenbeintafel zeigt drei horizontale Felder im Verhältnis 1:1:1, oben eine querlaufende Doppelranke, in deren mittlerer Volute das Tierkampfmotiv mit dem die Hirschkuh schlagenden Panther zur Geltung kommt. Die Felder sind durch zwei Schriftbalken mit der Inschrift ASCENSIO SCE. MARIE und S. GALL(VS) PANE(M) PORRIGIT VRSO getrennt; oben die Himmelfahrt Mariens: die Jungfrau frontal stehend u. nimbiert als Orantin, gekleidet in einfußlanges Untergewand, die Dalmatika u. einen bis in Kniehöhe über den Rücken fallenden Matronenschleier; zu den Seiten dienen ihr mit wehenden Flügeln u. Diademen im Haar vier Engel. Darunter eine Begebenheit aus Kap. 11 der Vita s. Galli des Walahfrid Strabo (um 808-849) (Ed. Bruno Krusch MGH SS rer. Merov. 4, 292): In der Bildmitte ragt über dem Rücken des Bären ein Vortragekreuz auf, das Gallus zum Zeichen der Besitznahme des Ortes aufgepflanzt hatte. Der Gallus begleitende Diakon Hiltibod schläft und träumt auf der rechten Seite im Vordergrund. In der linken Szene begegnet Gallus im Wald einem Bären, den er Holz für das Feuer zu holen heisst. Der Bär gehorcht u. bringt in der linken Szene das Holz. Gallus, in Tunika u. anianische Kukulle mit übergezogener Kapuze gekleidet, trägt den Krummstab in der linken Hand und segnet den Bären. Zwischen Gallus u. Bär ein blühender Baum, in dem zwei Vögel sitzen. Auf dem Goldblechstreifen des vorderen längsseitigen Randes des Rückdeckels ist von oben nach unten von der Hand Tuotilos (um 850 - um 913) die Inschrift eingraviert: Ad ista(m) paratura(m) Amata dedit duodeci(m) denarios (vgl. Duft/Schnyder, S. 60f. mit Umzeichnung). Bei der Stifterin handelt es sich um die urkundlich 903 bezeugte Amata, die zusammen mit ihrem Gemahl Winihart nach dem Tod ihren Gutsbesitz in Lenggenwil dem Kloster stiftete (Borgolte, S. 592; Subsidia Sangallensia I, S. 445, W 729). Die Jahrringmessung der Eichenholzdeckel 1971/72 durch E. Holstein, Trier, ergab als Fälldatum des Baumes das Jahr 888 +/-6 (vgl. Duft/Schnyder, S. 80).
Inhaltsangabe:
Die in Klammern gesetzten Zahlen sind die fortlaufenden Nummern der Perikopen.
Entstehung der Handschrift:
- Die Handschrift ist liturgiegeschichtlich eine besondere Leistung, da sie das Kirchenjahr nicht nur nach Sonn- u. Feiertagen (vgl. Nr. 35, 108), sondern insgesamt erfasst. Im Gegensatz zu den älteren Werken sind hier das Proprium de tempore u. das Proprium de sanctis voneinander getrennt, wobei in letzterem viele Perikopen mit Verweisen auf andere Stellen, besonders auf das Commune abgekürzt erscheinen. Zählte das von Godescalc 781-783 für Karl den Großen (768-814) geschriebene Evangelistar (Paris, BNF, nouv.acq.lat.1203) 252 Perikopen, sind sie in Sang. 53 auf 376 erhöht. Das Proprium de sanctis (von Andreas - Saturninus) bleibt auf das römische Martyrologium beschränkt, allein das Gallusfest (306-309) ist als Lokalfest in das Proprium aufgenommen.
- Die Würdigung dieser Hs. durch Ekkehart IV. (um 980 - um 1060) im 22. Kapitel der Casus sancti Galli entging seit Scherrer (S. 23f.) keinem der vielen Bewunderer u. Forscher. Er nennt Sintram (nachweisbar 885 als Subdiakon, 895 als Diakon; vgl. Subsidia Sangallensia I, S. 433, W 646, S. 440, W 697) als vielgerühmten Schreiber u. bemerkt, dass der Auftraggeber der Hs., Abt-Bischof Salomo III. (890-920), die Initialen L(iber generationis) p. 7 u. C(um esset desponsata) p. 11 eigenhändig gemalt habe. Ekkehart erzählt weiter, dass der Freund Salomos III., Erzbischof Hatto von Mainz (Hatto III. Abt von Reichenau 888-913), Salomo III. seine Schätze anvertraut habe, unter denen sich zwei Elfenbeintafeln (= Elfenbeindiptychen) aus dem Nachlass Karls des Großen (768-814) befunden hätten, von denen er die eine unbeschnitzte zum Beschnitzen dem Tuotilo (um 850 - um 913) gegeben habe. «Dazu hieß er dann unseren Sintram ein Evangelium im entsprechenden Längen- und Breitenmaß schreiben, um schließlich den mit seinen Tafeln prunkenden Band mit Hattos Gold u. Edelsteinen zu schmücken» (Ekkehart IV., Casus sancti Galli, Ed. Hans F. Haefele, cap. 22, S. 56-59; Duft/Schnyder, Elfenbein-Einbände, S. 19-22). Duft/Schnyder führten schließlich diese Fakten u. Daten mit der Stifterin AMATA, die nicht nur für den Einband zwölf Denare, sondern wahrscheinlich auch das Gold für die Goldtinte der Seiten 199-234 stiftete, zusammen u. kamen zum Schluss, dass die Entstehung der Hs. um 895 anzusetzen sei. Die aus der Erzählung Ekkeharts IV. abstrahierten u. die technischen (dendrochronologischen) Fakten u. Daten um 895 stimmen auch entwicklungsgeschichtlich mit der St. Galler Buchmalerei überein, so dass wir mit Chroust als Schreiber des Evangelium longum Sintram in Anspruch nehmen dürfen. Seine schöne, im Gegensatz zur Folchart-Nachfolge fast aufrecht stehende u. uniform werdende Schrift sowie vor allem das Repertoire seiner Initialornamentik schließen an die «barocke Phase» der Folchart-Nachfolge in Morgan 91 (Nr. 100) an. Sintram kennt auch das gesamte Formenrepertoire von Wolfcoz (Nr. 35) über die Homiliare der Grimald-Zeit (841-872) (Nr. 75-79) und der großen Hartmut-Bibel (Nr. 89-94). Er bindet die verschiedenen künstlerischen Temperamente in sein ausgeglichenes Schriftbild ein u. versteht es, einzelne Formen zu regulieren. In der Knotung u. Binnenmotivbildung findet er neue Lösungen. Wesentlich ist seine Neigung zum feinen Beiwerk der Initiälchen u. Initialen in Form von Dreiblättern, Herzblättern, Dolden u. Sporangien in Gold an hauchdünnen Stielen. Seine Detailkenntnisse verrät er etwa im auf Purpurgrund gelegten, pergamentausgesparten, mit Minium u. Purpurstrichen durchzogenem Flechtband am L(iber generationis) p. 7 u. C(um esset) p. 11, die Ekkehart IV. wohl eher im Sinne einer Ruhmesfloskel der Hand Salomos III. zuschreibt; technisch u. künstlerisch keineswegs von den übrigen Initialen abweichend, sondern nur besonders ausgezeichnet, dürften auch sie von Sintram sein. Bisweilen wie beim V(espere) p. 131 u. M(aria Magdalena) p. 132 sehe ich Ähnlichkeiten zu Initialen im Gundis-Codex (Nr. 108). Daraus zitiert Sintram das Säulenmotiv des I(ntravit) p. 110 u. variiert es im Sang. 53 am I(n illo) p. 233. Das am P(usillus) p. 335 Ps 151 im Folchart-Psalter (Nr. 97) auffallende, in Morgan 91 am b(eatus) fol. 59r (Nr. 100) wiederkehrende Schlangenmotiv wandelt er im A(scendens) p. 206 zum mythischen Kampf des Vogels mit der Schlange ab, den seine Nachfolger noch im 11. Jahrhundert zu zitieren wissen. Schrift- u. Initialstil können daher durchaus von der Hand jenes Sindram Diaconus sein, der am 30. März 895 als Zeuge in St. Gallen eine Urkunde unterschrieb u. der 885 als Subdiakon das Schreiben schon exzellent beherrschte (vgl. die Urkunde Nr. 646, abgebildet bei Chroust, Taf. XV 3 b u. verglichen mit p. 191 in Sang. 53, Taf. XVI, 2). Sintram könnte 895 im Alter von 30-40 Jahren gewesen sein.
Bibliographie:
Lit. Einband:
- Adolph Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser, VIII.-XI. Jahrhundert, Bd. I, Berlin 1914, S. 60f., 80f. Nr. 163 a, b.
- Ernest T. De Wald, Notes on the Tuotilo Ivories in St. Gall, in: The Art Bulletin 15, 1933, S. 202-209.
- Frauke Steenbock, Der kirchliche Prachteinband im frühen Mittelalter von den Anfängen bis zum Beginn der Gotik, Berlin 1965, Nr. 23.
- Marguerite Menz-von der Mühll, Die St. Galler Elfenbeine um 900, in: Frühmittelalterliche Studien 15, 1981, S. 392-418.
- Duft/Schnyder, Elfenbein-Einbände, S. 62-75, Lit. S. 158.
- von Euw, in: Kloster St. Gallen, S. 181-184.
Lit. Handschrift:
-
Scherrer, S. 23-25.
-
Chroust, I. Abt., II. Bd., Liefg. XIV, Taf. 1-2.
-
Merton, S. 49-51, Taf. XLI.
-
Landsberger, Folchart-Psalter, S. 20, 22f., 25, 27, 32, Abb. 16 a, 18 b u. c, 23 a.
-
Bruckner III, S. 44f., 61, Taf. XXIII, XXIV, LIII.
-
Knoepfli, Kunstgeschichte I, S. 31f., 346, 35, 361.
-
Daniel, Freising, S. 21.
-
Beer, Prudentius-Codex 264, S. 37.
-
Duft/Schnyder, Elfenbein-Einbände, S. 55-62
- Michael Borgolte, Gedenkstiftungen in St. Galler Urkunden, in: Memoria. Der geschichtliche Zeugniswert des liturgischen Gedenkens im Mittelalter, hrsg. von Karl Schmid und Joachim Wollasch, München 1984, S. 592f.
-
Eggenberger, Psalterium aureum, S. 14, 24, 179, 185, Abb. 192f., 202.
-
Berschin, Sanktgallische Schriftkultur, S. 74f., mit Abb.
-
Duft, Abtei St. Gallen II, S. 229-231, Abb. 1-3.
- Peter Ochsenbein, Karl Schmuki, Cornel Dora, Vom Schreiben im Galluskloster. Handschriften aus dem Kloster St. Gallen vom 8.-18. Jahrhundert (Ausstellungskatalog 1993/94), St. Gallen 1994, S. 80-88.
-
Schmuki, in: Cimelia Sangallensia, Nr. 42.
-
von Euw, Wer war Sintram?, S. 423-431.
-
Schaab, Mönch in St. Gallen, S. 93, 182.
-
Berschin, Eremus und Insula (2005), S. 56, 100, 167.