Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 103
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Beschreibung von Marianne Luginbühl und Heinz Bothien, Kantonsbibliothek Thurgau, Frauenfeld, 2009.

Handschriftentitel: Heinrich Murer: Sancti Galli Abbatis Monasterium
Entstehungsort: Kartause Ittingen
Entstehungszeit: nach 1630
Beschreibstoff: Papier
Umfang: 48 Bll. und 12 eingeschobene Bll.
Format: 315 x 205 mm
Lagenstruktur: V10 + V20 + V30 + V40 + IV48
Seiteneinrichtung: 265 x 168 mm, einspaltig, 45-52 Zeilen.
Einband: Papier über Pappe, blaugrün gesprenkelt, 19. Jh.
Inhaltsangabe:
  • Bl. 1r: Der angegebene Titel: Von Ehrbauwung Auff und Zunemmen eines Fürstlichen Gottshauses Sant Gallen. Samptt was sich zu in des Herrn unnd Abbts Re[g]i[e]rung zeyten zu getragen. Alles auss den besten unnd berumptisten Annalibus und Historien: sonderlich aber auss des wolehrwurdigen hochgelerten herren Jodoci Metzleri I.V.D. schrifften gezogen
    Darunter:
    Blaukolorierte Federzeichnung mit den Kirchenpatronen von St. Gallen, dem heiligen Gallus (heraldisch rechts) und dem heiligen Othmar (heraldisch links). Dazwischen das Abtswappen mit dem Bär, darüber die Mitra mit eingelegtem Abtsstab. Beide Heiligen tragen den Abtsstab. Der heilige Gallus ist mit einem kleinen Bären dargestellt, der auf der linken Schulter einen Holzklotz trägt. Gallus streckt ihm ein Stück Brot entgegen. Diese Darstellung soll an die Legende erinnern, nach der der heilige Gallus einen wilden Bären dazu gebracht haben soll, ihm Brennholz und Holzbalken für den Bau einer Einsiedelei herbeizutragen. Dafür soll er ihm Brot gegeben haben. Der heilige Othmar trägt ein Weinfässchen. Dies ist eine Anspielung auf die Lebensbeschreibung seines Biographen Walafrid Strabo, der berichtet, dass man Othmars Leichnam zehn Jahre nach seinem Tod in Gefangenschaft auf der Insel Werd unverwest vorgefunden habe. Die Brüder, die damit beauftragt worden waren, den Leichnam nach St. Gallen zu überführen, hätten als Wegzehrung ein Weinfässchen bei sich gehabt, das jedoch auf dem Hin- und Rückweg immer gefüllt blieb, obwohl sie daraus tranken.
  • Bl. 1v: Geographische Beschreibung der Stelle, an der die nachmalige Abtei und Stadt St. Gallen gegründet wurde und ihr Verhältnis zur geographischen Lage des Thurgaus.
  • Bl. 2r - 47r: Aufzählung der Äbte des Klosters St. Gallen in chronologischer Reihenfolge vom heiligen Gallus bis zu Bernhard II., der am 18. Dezember 1630 verstarb. Insgesamt sind 66 Äbte erwähnt. Murers Chronik ist nicht fertiggestellt worden; das zeigt sich daran, dass der Platz für die Wappen der einzelnen Äbte zwar ausgespart ist, diese aber fehlen.
  • Bl. 47v - 48v: leer.
  • Einlageblätter zwischen Bl. 1v und 2r:
    • Die ersten drei Blätter stellen einen Teil der anonymen Fortsetzung der „Casus Sancti Galli“ von unbekannter Hand dar, und zwar die Lebensbeschreibung von Abt Ulrich III. (1077 - 1121) und Abt Werinher (1133-1167?), und Notizen zu Graf Rudolf von Pfullendorf (gest. 1128). Die Autorschaft wird von einer weiteren Hand einem unbekannten St. Galler Mönch namens Burckhard zugeschrieben. Dieser Name als Bezeichnung für einen Verfasser der anonymen Fortsetzung der „Casus Sancti Galli“ kommt als späterer Zusatz „Chronicon Burchardi“ auch in der Handschrift 615 der Stiftsbibliothek St. Gallen vor. In der 3. Aufl. der „Rerum Alamannicarum Scriptores aliquot vetusti“, Frankfurt 1730, von Melchior Goldast wird die „Continuatio Casuum Sancti Galli“ mit „Burkhardi monachi S. Galli“ betitelt. In der 1. Aufl. von 1606 gibt Goldast an, er habe den Namen „Burkhardus“ in einem Exemplar Vadians gelesen.
    • Weitere drei Blätter enthalten zusätzliche Bemerkungen zur Geschichte des Klosters St. Gallen. Der Text wird abgeschlossen mit einer Grussformel „A[d] T[e] Amatissime (?) in Christo F. Iodocus Metzlerus“. Damit wird der vorangehende Text dem St. Galler Konventualen und Stiftsbibliothekar Jodocus Metzler zugeschrieben, der auch zahlreiche historiographische Schriften über das Kloster St. Gallen verfasst hat. Im Text kommt die Ich-Form vor. Dies könnte darauf hindeuten, dass er tatsächlich von Jodocus Metzler stammt. Die Frage, ob es sich beim Schreiber des Textes und der Grussformel um ein und dieselbe Person handelt, ob der Bericht von Metzler eigenhändig geschrieben wurde und ob auch die Grussformel von seiner Hand stammt, kann nicht eindeutig beantwortet werden.
    • Die restlichen sechs kleineren Blätter stammen von der Hand Heinrich Murers und enthalten eine Auflistung von Päpsten, Bischöfen, Kaisern, Königen, Herzögen, Grafen und Baronen Des weiteren sind die kolorierten Familienwappen der St. Galler Äbte Ulrich III. (1077-1121), Mangold von Mammern (1121-1133) und Ulrich VIII. oder Ulrich Rösch (1463-1491) dargestellt. Auf der Rückseite sind die zwei noch unkolorierten Familienwappen der St. Galler Äbte Kuno von Stoffeln (1379-1411) und Heinrich von Mansdorf (1419-1426) zu erkennen. Die Liste am Schluss enthält ein Verzeichnis von Adelsgeschlechtern und Adelssitzen der Ostschweiz, darunter einige Ministerialgeschlechter des Klosters St. Gallen.
Entstehung der Handschrift:
Bemerkungen zu Autor und Werk:
Heinrich Murer stützt sich nach eigenen Angaben unter anderem auf die Schriften des bereits erwähnten St. Galler Konventualen, Rechtsgelehrten und Stiftsbibliothekars Jodocus Metzler (1574-1639). Es kommen dafür mehrere Titel in Betracht, die alle bei Henggeler aufgelistet sind. Einer davon ist das „Chronicon S. Galli“, das mit andern Chroniken zusammengebunden ist. Diese St. Galler Chronik reicht von der Gründung der Einsiedelei durch Gallus (613) bis 1633. Ein weiterer Titel ist eine Chronik von 1604 mit dem Titel „Inclyti apud Alemannos divi Galli Coenobij rerum ab Anno nongentis nonaginta gestarum Libri VIII authore Jodoco Metzler“. Sie reicht bis zum Regierungsantritt Bernhards II. (1594). Ausserdem hat Metzler zwei Schriften über bedeutende St. Galler Mönche verfasst.
Provenienz der Handschrift: Diese Handschrift Murers mit der Chronik des Klosters St. Gallen ist wie die anderen Chroniken, die für das „Theatrum Ecclesiasticum Helvetiorum“ vorgesehen waren, in der Kartause Ittingen entstanden. Vermutlich ist sie erst nach der Aufhebung der thurgauischen Klöster im Jahre 1848ff. in die Kantonsbibliothek Thurgau gelangt, wo sie wahrscheinlich auch gebunden wurde.
Literaturverzeichnis: (chronologisch)
  • Goldast, Melchior: Rerum Alamannicarum Scriptores aliquot vetusti / Melchior Goldast. 3. Aufl. / hrsg. von H. Chr. Senckenberg. Frankfurt 1730.
  • Meyer von Knonau, Gerold: Heinrich Murer, in: ADB 23 (1886), S. 60.
  • Meier, Gabriel: Der Karthäuser Heinrich Murer und seine Schriften / Gabriel Meier. Stans 1900 (SA: Der Geschichtsfreund ; Bd. 55, S. 3-38).
  • Henggeler, Rudolf: Professbuch der fürstl. Benediktinerabtei der Heiligen Gallus und Otmar zu St. Gallen / von Rudolf Henggeler. Zug 1930.
  • Url, Eberhard: Das mittelalterliche Geschichtswerk „Casus sancti Galli“. Eine Bestandesaufnahme / Eberhard Url, in: Neujahrsblatt / hrsg. vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen; 109 (1969), S. 3-58.
  • Tiefenthaler, Eberhard: P. Jodocus Metzler: Rechtsgelehrter, Chronist und Bibliothekar in St. Gallen / von Eberhard Tiefenthaler, in: Biblos 29 (1980), S. 193-220.
  • Duft, Johannes: Artikel „St. Gallen“ / von Johannes Duft, Anton Gössi und Werner Vogler, in: Frühe Klöster, die Benediktiner und die Benediktinerinnen in der Schweiz. Bern 1986. (Helvetia Sacra; Abt. III, Bd. 1, Teil 2, S. 1180-1369).
  • Leuppi, Heidi: Casuum Sancti Galli Continuatio Anonyma. Textedition und Übersetzung / Heidi Leuppi. Zürich 1987. Diss. phil. 1 Zürich 1987.