Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 38(366)
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Beschreibung für e-codices von P. Dr. Odo Lang OSB, Stiftsbibliothek Einsiedeln, 2012.

Handschriftentitel: [Anonymus]. Expositio octo priorum Epistolarum S. Pauli
Entstehungsort: Einsiedeln
Entstehungszeit: 10. Jh. (2. Hälfte, um 960-965).
Frühere Signatur: X.10 / Folio Numero 36. B. V. Einsidlensis.
Beschreibstoff: Pergamenthandschrift
Pergament von sehr unterschiedlicher Qualität, dick und fest bis sehr fein, gut geglättet und zugeschnitten, viele Löcher. HFHF. Zahlreiche kleinere oder grössere Löcher (28): 10 mit hinterzeichneter Fratze auf Bl. 9v und 11r, 31, 43, 46, 48, 53, 55, 60, 75, 82, 86, 87 (3), 96 (5), 97 (3), 99, 104 (2, eines mit einer hinterzeichneten Fratze), 107 (3), 109, 131, 150 (2), 154 (3), 168, 180 (2), 181 (2), 183 (gross!), 186, 188.
Umfang: 1 + 189 (richtig 191) Blätter.
Format: 285 x 230 mm
Seitennummerierung: Neuzeitliche (19. Jh. / vermutlich P. Gall Morel) mit Bleistift in arabischen Zahlen 1-189, richtig 191, da bei der Zählung die Blätter 62bis und 86bis übergangen wurden, 1 Bogen (Bifolium) Pergament vorgebunden (1. Bl. auf VD).
Lagenstruktur: Bezeichnete, unregelmässige Lagen (vorwiegend Quaternionen): I-1 (1. Bl. auf VD), 2 IV, V-2, 2 IV, II, 2 IV, III, VI-4, IV, 3 V, IV, V, V+2, 3 IV, IV-1 (1 Bl. herausgetrennt), IV. Die Lagen X, XIII, XIIII, XVII und XXII sind unregelmässig durch herausgetrennte und eingesetzte Blätter. Die Angabe von P. Gabriel Meier: Quaterniones signantur I-XXIIII muss korrigiert werden. Kustoden in römischen Zahlen unten in der Mitte auf dem Verso des letzten Blattes der Lagen. Keine Reklamanten.
Seiteneinrichtung: Schriftraum: 210 x 190(85/85) mm. Einrichtung durch Rahmen und Linierung mit Metallgriffel vor der Faltung. Zirkellöcher weitgehend erhalten, z.T. weggeschnitten. Senkrechte Linien: ab // cd, ab // cd. – Zweispaltig zu 31 Zeilen.
Schrift und Hände: Von mehreren (13) Händen mit brauner bis schwarzer Tinte in romanischer Minuskel (Haupthand: zierliche, kleine, exakte, rein kalligraphische Minuskel) geschrieben.

  • Zu den Schreibern: Nach H. Hoffmann haben gleichzeitig dreizehn Hände (Hand A bis Hand M) an der Handschrift gearbeitet, die sich oft nach wenigen Zeilen ablösen. Nach A. Bruckner schreibt wenigstens die Haupthand in einer zierlichen, kleinen, exakten, rein kalligraphischen Minuskel – was man von anderen Händen nicht in jedem Fall aussagen kann. Von grösserer Beteiligung sind die folgenden Hände: Hand A schrieb von Bl. 1r-40v, 1r-90v (sowie einzelne Zeilen auf anderen Blättern); Hand B schrieb Bl. 41r-43ra; Hand C schrieb Bl. 45r-65v, Hand D Bl. 47rb, Hand E Bl. 60vb, Hand F Bl. 66v-73v, Hand H Bl. 1r-82v, Hand I Bl. 91r-99v, Hand J Bl. 101r-110v, 1v-189r; die Hand G schrieb Bl. 1r-121v, 1r-130v, 1r-138v und 140r-v, sowie einzelne Zeilen anderswo, vor allem einige Zeilen unten auf Bl. 100v; Hand K schrieb Bl. 1r-128v, Hand L Bl. 131r-135r und Hand M Bl. 1r-150r.
  • Hoffmann glaubt auch die Zusammenarbeit von Würzburger und Einsiedler Händen annehmen zu können (z.B. die Hand A, B und I (aus Würzburg). Wie man sich die Zusammenarbeit konkret vorstellen muss, ist eine andere Frage, da der Codex doch mit ziemlicher Sicherheit in Einsiedeln geschrieben wurde – als Abschrift des Originals von Thietland. Einsiedlisch sind jedenfalls die Initialen und die Miniatur (Autorenbild). Wörtlich schreibt Hoffmann: „Es ist nicht klar, wie man sich die Zusammenarbeit der beiden Schulen vorzustellen hat und ob der Codex in Würzburg oder in Einsiedeln entstanden ist. Er war jedenfalls schon in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts in Einsiedeln, wie Marginalien von Eisiedler Händen beweisen.“
Buchschmuck:
  • Kolumnentitel mit brauner bis schwarzer Tinte in Rustica bzw. romanischer Minuskel.
  • Neun Zierinitialen: (1ra) D(ICTA); (44vb) 7 Zierbalken, purpur und purpurweiss; (45ra) J(n nomine); (87rb) B(eati) mit Zierbalken in Purpur; (87vb) P(aulus); (119ra) A(nimaduertite) mit Zierbalken in Purpur; (139rb) E(phesii) mit Zierbalken in Purpur; (160va) P(rędicauerat) mit Zierbalken in Purpur; (174ra) O(mnes) mit eingezeichneter kleiner Teufelsfratze; (183va) S(cripsit) mit Zierbalken in Purpur.

    Die Initialen sind in Minium und Gelb gehalten, grün und blau-grün schattiert und in Purpurfelder gebettet. Sie wurden vom Illuminator erst nachträglich angelegt und überschneiden z.T. bereits vorhandene Schrift, ebenso nachträglich ist das Zierfeld auf Bl. 44vb, einspaltig und siebenzeilig purpur und purpurweiss gestreift, am Ende des Römerbriefes. Der Illuminator war ein Dilettant; das zeigen die über die Spalten hin gezogenen Zierbalken, die von einigen kleinen Initialen ausgehen. Solche Zierbalken sind gewöhnlich zur Aufnahme der Tituli bestimmt, hier haben sie keine Funktion. Eigenartig ist auch die kleine Teufelsfratze in der Initiale (174ra) O(mnes).

    Die Buchstabenkörper haben stumpfe Seitentriebe, einfache oder dreipassförmige Schaftringe und dreiblättrige Endtriebe. Das (45ra) J(n) zweigt unten mit zwei in Dreiblatttrieben endenden Schösslingen ab. Aus der Haste des (87rb) B(eati), (87vb) P(aulus) und (160va) P(rędicauerunt) wachsen solche Schösslinge zu Binnenmotiven. Aus dem (119ra) A(nimaduertetite) und dem (183va) S(cripsit) steigen sie von unten auf und überschneiden verzweigend und alternierend die Buchstabenkörper, aus dem mit einem Vierpass besetzten (139rb) E(phesii) wachsen sie am Querstrich von einem dreipassförmigen Schaftring gehalten nach aussen und schlagen nach innen aus. Das (174ra) O(mnes) ist mit einer Maske gefüllt.

    Die Initialen sind eine Mischung von karolingischer St. Galler und ottonischer Reichenauer Tradition und nehmen das System des Lektionarfragmentes in Cod. 256(461) in konsequenter Durchbildung wieder auf und sind deshalb in der Nachfolge der Gruppe um das Lektionarfragment entstanden.

  • Die Miniatur (II) bringt eine ganzseitige Miniatur (Autorenbild), gefasst von einem doppelten Leistenrahmen mit verschachtelt dazwischenlaufendem mäandrischem Band. Den unteren Teil des Bildes füllt ein mit Quadraten und bekreuzten Vierpässen gemustertes Feld. Darüber erheben sich Gebäude einer Stadt, deren Mauern rechts oben angedeutet sind. Darin steht der Apostel Paulus, gefolgt von vier Jüngern und redet zu vier Männern, von denen einer mit einem Judenhut gekennzeichnet ist. Unten bewegt sich eine Menge zur Stadt hin. In der vorderen Reihe wird einer am Arm geführt und von einer Frau geleitet. Farben: Rahmenleiste minium, Band purpur, weiss getupft. Unteres Feld purpur und Pergament ausgespart. Häuser purpur, gelb, grün; Dächer minium. Figuren: Tuniken ocker mit Grüntönen, rötlich mit Weiss, Pallien oder Chlamys rötlich mit Weiss, starkes Grün, ocker und grün, Strümpfe grün-grünblau. Boden ocker. Nimben gelb. Inkarnate Pergament ausgespart, grün und rot schattiert. Zeichnung in brauner bis schwarzer Tinte.

    Das Bild ist technisch eine Kombination von Federzeichnung und Deckfarbenmalerei, was es mit den Bldern von Cod. 265(460) und des Sangallensis 86 verbindet.

  • Bl. 148va am Rand die Zeichnung eines Kreuzes mit Binnen- und Rahmentext.
Spätere Ergänzungen: Zahlreiche Randbemerkungen als Korrekturen und Ergänzungen (zeitgenössisch, bzw. aus dem 14. Jh.). Hände des Heinrich von Ligerz.
Einband: 14. Jh. – 295 x 235 mm. Einsiedler Ledereinband. 2 abgekantete Holzdeckel. Grauweisses, abgeschabtes Schafleder als Überzug, im Rücken mit braunem Leder verstärkt (19. Jh.). 3 erhabene Doppelbünde. Oben und unten 2-farbiges, geflochtenes Kapitalband. Stricheisenlinien auf VD und RD. 2 Leder-Metall-Schliessen von Kante des VD zur Kante des RD (rest.). – VD-Etikette (15. Jh.): Exposicio epistolarum pauli.
Inhaltsangabe:
Wir sehen im Codex eine unter Abt Thietland entstandene eigens geschmückte Abschrift des von Thietland (?) vor 945 verfassten Urexemplars, das verloren ist.
  • 1ra-189rb [Anonymus (Thietlandus (?))] : Expositio in octo epistolas S. Pauli Apostoli.
  • VD-Spiegelblatt Notizen.
    Fast unleserliche, kaum zu entziffernde Notizen (16. Jh.), von der gleichen Hand stammen auch Randglossen auf den Bl. 5rb und 6rb.
  • 1ra-189rb [Anonymus (Thietlandus (?)] : Expositio in octo epistolas S. Pauli Apostoli
    • (1ra) >DICTA APOSTOLICA< lecturi montem cęlestis desiderii conscendere satagamus. Deindeque doctorem paruulorum cęcorumque illuminatorem humili prece deposcamus …–… (189rb) voluit etiam illos adeo proficere ut perfecti gratiam domini mererentur. Ideo gratiam ipsis eiusdem optauit
      Zum Inhalt:
  • Anhänge: 189rb Notiz über den Mord an Bischof Johannes Windlock von Konstanz (von Heinrich von Ligerz): Anno domini M.°CCC.°lvi.° Johannes Episcopus Constanciensis, in sua ciuitate, in proprio dômate in propria mensa, gladiis inpiorum occubuit. quod factum mortiferum, merito multos terruit presules, acciditque hoc maleficium in die sancti meginradi patroni nostri. Scriptum in die valerii Episcopi. Vgl. dazu: Meier, Ligerz, 26 und 44. – Zu Bischof Johannes Windlock (1351-1356): HelSac I.2.1, 309-315.
  • 189v Notizen (Federproben): 1. Praedicauerat beatus paulus apostolus (vgl. Bl. 160va). 2. Notum sit omnibus tam futuris quam praesentibus quoniam super omnibus causis. 3. Nolite ante tempus iudicare quoaadusque [sic] ueniat Dominus qui et illuminabit abscondita.
Bibliographie:
  • Atto Vercellensis. Expositio in Epistolas S. Pauli (PL 134, 125-834);
  • Birchler, Kunstdenkmäler, 184;
  • Bruckner, Scriptoria V, 26, 27, 63, 64, 71-74, 88, 170;
  • Cartwright S. R., Expositio Attonis Episcopi Vercellensis in Epistolam Sancti Pauli ad Romanos. Introduction and Partial Text, Michigan 1992;
  • Cartwright S. R., Thietland’s Commentary on the 1 Thessalonians. Originality at the End of an Era, Manuskript 1992;
  • Cartwright S. R., Thietland of Einsiedeln’s Commentary on Second Thessalonians. Digressions on the Antichrist, Manuskript o.J.;
  • Cimelia Einsidlensia, 19f.;
  • Codex 121 Einsiedeln, Komm.-Bd. 8, 19;
  • Denifle H., Die abendländische Schriftauslegung bis Luther über Justitia Dei (Rom 1,17) und Justificatio. Beitrag zur Geschichte der Exegese, Literatur und des Dogmas im Mittelalter (Quellenbelege zu Denifle’s Luther und Luthertum I/2, Mainz² 1905, 27-28);
  • DeWald E. T. de, The Art, (Artb 7, 1925, 79-90);
  • Euw A. von, Das Titelbild der Klementinen in Codex 86 der Stiftsbibliothek St. Gallen (Studien zur mittelalterlichen Kunst 800-1200. Festschrift für Florentine Mütherich zum 70. Geburtstag, München 1985, 81ff.);
  • Euw A. von, Liber viventium, 190f., 202;
  • Euw A. von, Die Einsiedler Buchmalerei zur Zeit des Abtes Gregor (964-996) (Festschrift Abt Gregor, 186f., 189, 192f., 195, 205f., 207, 227);
  • Fillitz H., Der Beginn der Buchmalerei in Einsiedeln (Kunsthistorische Forschungen. Festschrift für Otto Pächt, München 1972, 55-61);
  • HBLS 6, 1931, 726;
  • HelSac III.1.1, 550 (Lit.);
  • Hoffmann, Schreibschulen I, 66f.;
  • Kuhn A., Der jetzige Stiftsbau Maria-Einsiedeln, Einsiedeln² 1913, 102;
  • Lang, Mabillon, 23;
  • Lang, Jahr der Bibel, 25f.;
  • Lang, Miniaturen, 9;
  • Lang, Wolfgang, 21f.;
  • Lang, Gregor, 41f.;
  • Lang, Abt Gregor und die tausendjährige Buchkultur des Klosters Einsiedeln. Ein Spiegel geistigen Lebens (Festschrift Abt Gregor, 283);
  • Lang, Der Mönch und das Buch (1999), 43;
  • Lang, Sacra pagina, 32f.;
  • Lang, Vox Patrum, 45f.;
  • Lang, Der Mönch und das Buch (2010), 140, Abb. 32;
  • MBH 3, 1934, 62 (Nr. 2);
  • Reinle A., Kunstgeschichte der Schweiz. Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. I. Von den helvetisch-römischen Anfängen bis zum Ende des romanischen Stils. Zweite Aufl. unter Benützung der ersten Aufl. (1936) von J. Gantner, Frauenfeld 21968, 291, 293;
  • Tischler M. M., Die ottonische Klosterschule in Einsiedeln zur Zeit Abt Gregors. Zum Bildungsprofil des hl. Wolfgang (Festschrift Abt Gregor, 168, 170, 173f.);
  • Vonder Mühll M., Die Schreibschule von Einsiedeln im 10. Jahrhundert. MS. 38, 176, 255. Manuskript. Basel 1971;
  • Walz D., Auf den Spuren des Meisters. Die Vita des heiligen Magnus von Füssen, Sigmaringen 1989, 27;
  • Wattenbach S. F., Claudius of Turin’s Organic Metaphor or the Carolingian Doctrine of Corporations (Spec. 49, 1974, 222-237).