Luzern, Zentral- und Hochschulbibliothek, P.19.fol.
Überblicksbeschreibung:
Die Ausschmückung des Luzerner Zisterzienser-Graduales wurde von zwei Malern mit Gehilfen ausgeführt. Eine fortgeschrittene Arbeitsteilung bei der Illuminierung der Handschriften war in Prager Werkstätten seit den 80er-Jahren des 14. Jahrhunderts üblich. Der herausragende, qualitativ höherstehende Meister bzw. seine Werkstatt schufen meistens das Einleitungsbild, in den liturgischen Handschriften auch die Illustrationen zu den wichtigsten kirchlichen Festen, der Rest wurde den weniger bedeutenden Illuminatoren überlassen (Robert
Suckale, Die Buchmalerei des Prager Examerons. Ein Beitrag zur Kenntnis der Prager Buchmalerei um 1400-1440, in: Umění 38 (1990), S. 401-417).
Die Eingangsseite im Luzerner Graduale stammt von einem anonymen Illuminator, der nach seinem Anteil an der Ausschmückung der Bibel des königlichen Münzmeisters
Konrad von Vechta, geschrieben in den Jahren 1402-1403 (heute Museum Plantin-Moretus, Antwerpen M 15), als
Meister der Antwerpener Bibel bekannt ist. Gerhardt Schmidt nennt ihn
Josua-Meister, in der Literatur findet sich manchmal auch die Bezeichnung "
dritter Meister der Antwerpener Bibel". Dieser Maler leitete eine Werkstatt, die vor dem Jahre 1410 das Martyrologium von Gerona (Girona, Museo Diocesano, M.D. 273) (Studničková 1998) illuminierte. Sein Werk sind ausserdem die Initiale mit der Auferstehung Christi im Graduale des Magisters Václav Sech (Prag, Archiv Univerzity Karlovy, ohne Signatur) (Josef
Krása, Graduale des Meisters Wencel, in: Die Parler und der schöne Stil 1350-1400, 2.Teil, Kat. Köln 1978, S. 752) sowie einige der Tierkreiszeichen im Prager Missale (Wien, österreichische Nationalbibliothek, Cod. 1850). Seiner Hand nahe stehen auch der Buchschmuck des Orationale Rosenbergense (Roudnice (Raudnitz)-Bibliothek, VI Fb 25) und des Breviers von St. Georg (Prag, Nationalbibliothek, XIII B 9). Stejskal (
Stejskal und
Voit 1991) hält sie sogar für eigenhändige Werke des
Meisters der Antwerpener Bibel. Weiter wurden ihm eine ausgeschnittene Initiale mit der Darstellung des Marientodes in der Rosenwald Collection der National Gallery of Art in Washington D.C. (B-18.752), Zeichnungen eines sitzenden Propheten und der 'Drei vornehmen Damen' im Cabinet des Dessins des Louvre (18839, RF 3811) und die Verkündigungsköpfe aus dem Fogg Art Museum in Cambridge (1947.79) zugeschrieben (
Krása 1969).
Der
Meister der Antwerpener Bibel bzw. sein Gehilfe führte im Luzerner Graduale auch die Ausschmückung von
Bl. 29r mit dem Anfang des Introitus der dritten Weihnachtsmesse aus. Die Initiale wurde später herausgerissen, nur das Randdekor mit typischen engen Akanthusblättern und kleinen blauen Blümchen an filigranen Stengeln ist im unteren Teil des Blattes erhalten geblieben.
Nach Gerhard Schmidt (2005) ist die Ausschmückung des
Bl. 1r stilistisch nicht einheitlich. Sie stamme von zwei Malern: das rahmende Rankenwerk mit den Heiligen- und Prophetenmedaillons vom
Meister der Antwerpener Bibel, die Grisaille-Figuren im Buchstabenkörper und die "mystische Mühle" im inneren Feld der Initiale dagegen von seinem Schüler, welcher mit dem Autor der Washingtoner Marientod-Initiale identisch sei. Stilistische Schwankungen und Qualitätsunterschiede sind schon im Anteil des
Meisters der Antwerpener Bibel an der Bibel Konrads von Vechta und im Gerona-Martyrologium festzustellen. Die Werkstattpraxis einer fortgeschrittene Arbeitsteilung, bei der an einem Bild auch mehrere Maler mitarbeiteten, erschwert die Identifizierung der einzelnen Hände. Die Stilisierung des Akanthusblattes im Buchstabenkörper der Luzerner Hostienmühlen-Initiale entspricht den Blattformen, welche der
Meister der Antwerpener Bibel verwendete. Der Akanthus in der Marientod-Initiale, die möglicherweise aus dem Sanktorale-Teil des Graduales des
Magisters Václav Sech stammt, schaut hingegen anders aus und entspricht dem Blatt in der Auferstehungs-Initiale dieser Handschrift. Akanthusblätter ähnlicher Art finden wir im Raudnitz (Roudnice)-Psalter (Prag, Metropolitankapitel, Cim 7), dessen Meister ebenfalls an der Ausschmückung des Graduales des Magisters Václav Sech und an der Antwerpener Bibel (Bd. 1, Bl. 89r-94v) beteiligt war (Anton
Podlaha, Die Bibliothek des Metropolitankapitels, Prag 1904, Nr. 7, S. 43-51).
Das Werk des
Meisters der Antwerpener Bibel steht am Anfang einer neuen stilistischen Richtung der böhmischen Buchmalerei. Für den Meister wurde ein Studienaufenthalt in den Pariser Werkstätten der aus Flandern stammenden Illuminatoren kurz vor dem Jahr 1400 angenommen (
Pesřina 1960,
Krása 1966). Später stellte Gerhard Schmidt die norditalienischen Einflüße fest, besonders den Zusammenhang mit der Buchmalerei in Padua (Gerhard
Schmidt, Malerei bis 1450,in: Gotik in Böhmen. München 1969, S. 250). Diese Orientierung, zusammen mit der Tradition der böhmischen Buchmalerei, scheint für den Meister prägend gewesen zu sein (
Studničková 2006).
Die übrigen historisierten und ornamentalen Initialen des Luzerner Graduales stammen aus der Hand eines anderen Illuminators, welcher ebenfalls bei der Ausschmückung des Graduales des Magisters Václav Sech behilflich war (
Bl. 152r,
159r) (
Stejskal und
Voit 1991). Selbständig illuminierte dieser Maler die Iglauer Sammlung von Urteilen des Stadt- und Bergrechtes des
Johannes von Gelnhausen (Jihlava, Státní okresní archiv v Jihlavě, Sg. 265, Nr. 389) (Frantisřek
Hoffmann, Soupis rukopisů Státního okresního archivu v Jihlavě, Jihlava 2001, Nr. 2, S. 8-14). Auch bei diesem Meister kann man Qualitätsunterschiede beobachten: die Initialen auf den
Bl. 34v,
153v,
204v,
221v sind etwas weniger sorgfältig ausgeführt. Man hielt ihn früher für einen Schüler des
Meisters des Hazmburk-Missale (Wien, österreichische Nationalbibliothek, cod. 1844). Parallelen gibt es vor allem in der Gestaltung der jugendlichen Gesichter mit den kleinen herzförmigen Lippen und bei den Gewändern, welche nach dem Kanon des "Schönen Stils", einer böhmischen respektive mittel-europäischen Variante des Internationalen Stils um 1400, drapiert sind. Andere Elemente, besonders die Morphologie des Rankenwerkes, folgen der Tradition der
jüngeren Illuminatoren der Bibel König Wenzels (Wien, österreichische Nationalbibliothek, cod. 2759-2764), im speziellen Fránas, der wahrscheinlich mit dem in den Quellen erwähnten königlichen Illuminator gleichen Namens identisch ist. In ähnlicher Weise stilisieren um 1400 die Rankenblätter der
Meister der Goldenen Bulle (Wien, österreichische Nationalbibliothek, cod. 338), der
Zweite Meister des Radeč-Missale (Prag, Kapitulní knihovna, p. 5) (
Podlaha 1904, Nr. 7, S. 43-51) bzw. der
Meister des Hieronymus-Officiums (Prag, Knihovna Národního muzea, XII A 18) (Pavel
Brodský, Katalog iluminovaných rukopisů Knihovny Národního muzea, Praha 2000, Nr.96, S.122). Entscheidend scheint aber die Zusammenarbeit mit den anderen Malern bei der Illuminierung des Graduales des Magisters Václav Sech, besonders mit dem
Meister des Raudnitz(Roudnice)-Psalters gewesen zu sein (
Podlaha 1904, Nr. 115, S. 232-236).
Die Verbindungen zwischen den Werkstätten zeigen sich unter anderen bei der Verwendung ähnlicher Muster und Kompositionen der Randdekoration. Eine Variation der Rahmung der Eingangsseite des Luzerner Graduales, die aus Rankenstäben mit der Verknotung der Zweige in den Ecken besteht, finden wir im Graduale des Magisters Václav Sech (
Bl. 128v mit der Auferstehung Christi) oder im Hieronymus-Officium. Die lavierten Blätter- und Masken-Zeichnungen in den Cadellen des Luzerner Graduales stammen mit großer Wahrschenlichkeit vom selben Maler wie jene im Graduale des Magisters Václav Sech.
Die Ikonographie der historisierten Initialen entspricht in den meisten Fällen der üblichen Darstellung in den böhmischen liturgischen Handschriften der Zeit. Beispielsweise ist in der Initiale D(ominus dixit ad me) zur ersten Weinachtsmesse (in gallicantu) (
Bl. 22v) der Eintritt Christi in unsere Zeit abgebildet, ein Typ der mystischen Geburt Jesu, meistens als "Anbetung des Kindes" bezeichnet, der durch die Revelationes der hl. Birgitta (7. Buch, 21. Kapitel) inspiriert wurde und kurz vor 1400 die übliche Darstellung Mariens im Bett ersetzte. Die Darstellung findet sich erstmals im tschechisch geschriebenen Marianischen Stundenbuch (Prag, Knihovna Národního muzea V H 36, fol. 41v) um 1395 und war seitdem ganz üblich. Eine Vorstufe dazu enthält das Antiphonar des Prager
Erzbischofs Ernst von Pardubitz von 1363 (Prag, Metropolitankapitel, p. 6.1-6.3).
Eigenartig ist die Komposition der "mystischen Mühle". Am Anfang des Graduales, in der Initiale des Introitus zum 1. Adventssonntag ist eine Allegorie des Altarsakraments dargestellt, eine spätmittelalterliche Verdinglichung des Unfassbaren von Menschwerdung und eucharistischer Heilsgegenwart Christi. Christus, das von den Evangelisten verkündete menschgewordene Wort Gottes, ist in der Mühle gemahlener Weizen, der zum lebendigen, vom Himmel herabgekommenen Brot in Gestalt des Logosknaben in dem von den vier Kirchenvätern gehaltenen Kelch geworden ist. Die Apostel treiben die Mühle, reinigen und verbreiten das Wort und bereiten daraus die heilbringende Seelenspeise für die Menschen zu deren Erlösung. Eine ähnliche Komposition enthält auch das Graduale des Augustiner-Chorfrauenstiftes Neuwerk in Erfurt (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod.St.Peter perg. 44) (Krone und Schleier. Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern. Kat. München-Bonn-Essen 2005, Nr.278,S. 386, Fig. S. 387). Die Komposition war am Anfang des 15. Jahrhunderts auch in anderen Zisterzienserklöstern bekannt, wie die Altäre in Doberan und Rostock beweisen.
Verhältnismäßig selten ist in dieser Epoche das Motiv des bekleideten Kindes in der Anbetung der Könige der ausgeschnittenen Initiale E(cce advenit dominator dominus) (
Bl. 34v) zur Epiphaniemesse. Das Gewand verdrängt die eucharistische Bedeutung und betont die Herrscherwürde Christi.
Der Schlüssel zur Identifizierung des Stifters und der monastischen Gemeinschaft, für welche das Graduale bestimmt war, enthält das Eingangsbild. Der Wappenschild unter der Stifterfigur im Buchstabenkörper ist leider leer geblieben. Die Gemeinde der Gläubigen im unterem Teil des Bildes besteht auf der linken Seite aus einer Gruppe von Mönchen. Die Gestalt der Liturgie bestätigt, dass es sich um Zisterzienser handelt. Abbildungen von Zisterziensermönchen in schwarzem oder dunkelbraunem Habit finden wir auch im Lektionarium von Marienstern (Prag, Národní knihovna, Osek 76, Bl. 16r) oder im Martyrologium von Gerona (Bl. 82v). Auf der rechten Seite sieht man die Vertreter der Laien, zuvorderst den König. Der Stifter oder die wichtigsten Wohltäter des Klosters wurden meistens in der Liturgie (Anniversaria) erwähnt. Im Böhmen gab es drei Zisterzienserklöster als königliche Stiftungen: Plasy (Plass), Zlatá Koruna (Sancta Corona, Sancta Spinea Corona, Goldenkron) und Zbraslav (Aula Regia, Königssaal), die königliche Grablege in der Nähe Prags, mit engen Verbindungen zur Prager Universität.
König Wenzel II., der Stifter von Zbraslav, wurde in die Fraternitas aufgenommen und nach seinem Tod 1305 sollten in allen Zisterzienserklöstern in Deutschland, Ungarn und Böhmen für seine Seele Messen gelesen werden. Es wurde verfügt, dass "
[…] particeps omnium bonorum quae de certo fient in singulis domibus Ordinis universi
[…] " (Statuta Capitulorum generalium Ordinis Cisterciensis, ed. J.M.
Canivez. Louvain Bd. III, 1305, Nr. 5, S. 314). Das Eingangsbild betont die Stellung des Apostels Andreas. Das Kloster von Zbraslav besass Andreas-Reliquien (Kateřina
Charvátová, Dějiny cisterckého řádu v Čechách. 1142-1420. 2. Bd. Praha 2002, S.187, 251, Nr. 8). Leider sind aus dem Anfang des 15. Jahrhundert keine liturgischen Bücher aus Zbraslav erhalten. über einen Handschriftenvergleich lässt sich also nicht überprüfen, ob das Luzerner Graduale für Zbraslav bestimmt war.