Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 112
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Beschreibung von Marianne Luginbühl und Heinz Bothien, Kantonsbibliothek Thurgau, Frauenfeld, 2006.

Manuscript title: Heinrich Murer: Diuae Virg: „Mariae Sintlacisaugia“
Place of origin: Kartause Ittingen
Date of origin: um 1627
Support: Papier
Extent: 64 Bll.
Format: 320 x 206 mm
Foliation: hs. nummeriert im 19. oder 20. Jh.
Collation: VI12 + III18 + VI30 + II34 + V44 + IV52 + VI64
Page layout: 255 x 174 mm, einspaltig, 40-44 Zeilen
Additions: Zwischen Bl. 14v und 15r sind acht Blätter einer kleineren Handschrift über Wahlafrid Strabo eingebunden.
Binding: Papier über Pappe, blaugrün gesprenkelt, 19. Jh.
Contents:
  • Bl. 1r Der angegebene Titel. "Anfang, Auff: und Zunemmen eines fürstlich Gottshaus Vnser Lieben Frauwen der Reichenow: sampt was beÿ indes Abbts Regierung zeÿten sich zu getragen. Gezogen auss einer Alten bewertten Teutschen Croneckh der Owen durch den Hochgelertten Herren Gallum Oëheim beider Rechten, und heiliger Schrifft Doctoren und eines Abbtes der Ow Capplan, Anno Domini 1498 treuwlich beschriben".
    Darunter:
    Kolorierte Federzeichnung mit den Kirchenpatronen von Mittelzell, der Gottesmutter und dem Evangelisten Markus mit ihren Attributen (Markus mit Löwe, Maria mit Kind auf einer Mondsichel stehend) sowie dem Gründer und ersten Abt des Klosters Reichenau Pirmin (mit einem Drachen, weil er nach der Legende den Bodensee von Drachen gesäubert haben soll).
  • Bl. 1v: Heraldische Darstellung der geistlichen Privilegien des Klosters Reichenau: Kolorierte Federzeichnung mit dem Wappen des Klosters Reichenau, daneben ein betender Benediktinermönch, darüber das Bischofswappen von Konstanz, zuoberst das Papstwappen, dazu Spruchbänder.
  • Bl. 2r: Heraldische Darstellung der weltlichen Privilegien des Klosters Reichenau: Kolorierte Federzeichnung mit dem Wappen des Klosters Reichenau, daneben der Abt des Klosters, dargestellt als Fürstabt, über dem Wappen ein Löwe mit dem Banner des Klosters und einem Schwert, darüber der Reichsadler mit der Kaiserkrone. Rechts und links davon kolorierte Wappen der Herren von Kyburg, Rapperswil, Rohrdorf und Hochberg als Würdenträger des Klosters.
  • Bl. 2v: Kolorierte Federzeichnung mit der Ansicht der Insel und des Klosters Reichenau aus der Vogelperspektive. Das südliche (schweizerische) Bodenseeufer ist oben, das nördliche (deutsche) ist unten dargestellt. In der Bildmitte Mittelzell mit dem Kloster und dem St. Maria und Markus geweihten Münster, dahinter die Pfarrkirche St. Johann, die im 19. Jahrhundert abgerissen wurde. Am westlichen Ende der Insel (rechts) die 799 geweihte Kirche St. Peter und Paul in Niederzell. Am östlichen Ende der Insel (links) die 896 geweihte Kirche St. Georg in Oberzell. Zu Einzelheiten vgl. Ernst Tremp a.a.O.
  • pp. 3r-53r Heinrich Murer: Geschichte des Klosters Reichenau von der Gründung durch Pirmin bis 1548, geordnet in der chronologischen Reihenfolge der Äbte mit ihren kolorierten Wappen.
    • Zwischen Bl. 3v und 4r: Faltblatt mit der Ansicht des Klosters Reichenau (Mittelzell) um 1627 (teilweise kolorierte Federzeichnung). Im Vordergrund das erstmals von Abt Hatto I. (814-822) erbaute Münster mit dem alten und neuen Kloster, im Hintergrund die Kirche des hl. Johannes des Täufers, die 958 von Abt Eggehard erbaut worden war und die Mittelzell als Pfarrkirche diente. Sie wurde 1812 niedergerissen. Die St. Kilianskapelle, die auf der Federzeichnung links des Klosters zu erkennen ist, muss schon vor 782 erbaut worden sein, denn sie diente dem Abt der Reichenau und dem späteren Bischof von Konstanz Johannes als letzte Ruhestätte. 861 oder 863 wurden die Gebeine des Zöglings der Reichenau und Gründers des Klosters Einsiedeln, Meinrad, wahrscheinlich in der St. Meinradskapelle, aufbewahrt, bis sie 178 Jahre später nach Einsiedeln überbracht worden sind. Sie ist in der Federzeichnung neben der St. Kilianskapelle dargestellt. Die Kapelle des heiligen Pelagius, an der rechten oberen Ecke der Zeichnung, wurde 891 erbaut und erhielt 917 vom damaligen Bischof Salomon II. von Konstanz einen in Silber gefassten Arm des heiligen Pelagius. Witigow, Abt des Klosters Reichenau von 985 bis 997, liess 991 den Garten am Eingang zum Münster anlegen; unter ihm wurde auch der Garten zwischen dem Münster und der Kirche St. Johann angepflanzt. Die Pfalz, ebenfalls in der rechten oberen Ecke der Ansicht, wurde erst 1312 von Diethelm von Kastell, Abt in der Au und zu Petershausen (1306-1342), erbaut und diente oft als Herberge für kirchliche und weltliche Würdenträger. Nach der Aufhebung des Gotteshauses 1802 wurden alle kleinen Kirchen und Kapellen abgebrochen, neben ihnen auch die Pfalz.
  • pp. 54r-60v Die Wappen der Stifter, Amtherren, Kastvögte, Lehensherren und Lehensleute sowie Beamteten des Klosters Reichenau (336 unkolorierte, aber zur Kolorierung vorbereitete Federzeichnungen).
  • pp. 61r-64v Zusätze einer späteren Hand: Liste der kirchlichen und weltlichen Gründer und Förderer des Klosters Reichenau; Liste von kirchlichen Würdenträgern, die in einer Beziehung zum Klosters Reichenau stehen und aufgrund ihrer Verdienste zu Erzbischöfen, Kardinälen, Bischöfen und Äbten befördert wurden; Klöster, die von der Reichenau aus gegründet wurden; die geographische Lage der Insel Reichenau; Verzeichnis der (zeitgenössischen?) Konventualen.
Origin of the manuscript:
    Bemerkungen zu Autor und Werk:
  • Der Verfasser der Handschrift, Heinrich Murer, eigentlich Johann Heinrich, wurde am 2. März 1588 in Baden (Kanton Aargau) geboren. Er stammte aus einer Badener Familie. Seine Mutter, Salome Bodmer von Baden, heiratete in zweiter Ehe 1592 den Ritter, Alt-Schultheissen und Bannerherrn Ludwig Pfyffer von Altishofen aus Luzern, wegen seiner politischen und militärischen Bedeutung auch „Schweizerkönig“ genannt, der indessen schon 1594 starb. Murer wuchs in Luzern auf. Er wird überall als „civis Lucernensis“ erwähnt und bezeichnet sich selbst in seinen Büchern so, ist aber im Luzerner Bürgerbuch nicht erwähnt. Murer besuchte zuerst die Jesuitenschule in Pruntrut, wohl um die französische Sprache zu erlernen. Nach Abschluss der Schule studierte er Philosophie in Paris. Hier kam es offenbar auch zu ersten Kontakten mit dem Kartäuserorden. Die Ermordung des französischen Königs Heinrich IV. veranlasste ihn zur Rückkehr in die Schweiz. 1611, noch in Luzern, begann er, ein Verzeichnis der Schweizer Heiligen anzulegen. 1614 trat er in den Kartäuserkonvent Ittingen ein, wo er am 28. Februar 1638 starb.
  • Wie Murer in der Einleitung zu seinem Werk erwähnt, stützt er sich in seiner Arbeit auf die Chronik von Gallus Oeheim, Priester und Kaplan des Klosters Reichenau, der im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts in Radolfzell geboren wurde und 1511, wahrscheinlich in Konstanz, starb. Bei der Niederschrift seines historiographischen Werkes um 1496 lebte Oeheim selbst auf der Reichenau und zog für seine Arbeiten alle im Reichenauer Archiv liegenden Urkunden und andere geschichtliche Quellen, wie z.B. die „Vita Pirminii“, heran. Ob er seine Arbeit schon 1498 abgeschlossen hat, wie Murer im Titel des Werkes angibt, oder noch in Konstanz daran arbeitete, ist ungewiss.
  • Die Chronik des Klosters Reichenau ist nur eine von rund zwanzig anderen Chroniken von Klöstern, Abteien und Bistümern, die Murer während seiner Ittinger Zeit (1614-1638) verfasst hat, und die in der Kantonsbibliothek Thurgau aufbewahrt werden. Sie waren alle gedacht als Vorarbeiten zu einem umfassenden Werk, das eine Geschichte und Beschreibung aller Bistümer, Stifte und Klöster der Schweiz enthalten und den Namen „Theatrum Ecclesiasticum Helvetiorum“, „Geistlicher Schauplatz Helvetiens“, tragen sollte. Murers früher Tod im Jahre 1638 machte dieses Vorhaben zunichte. Alle Chroniken sind ähnlich aufgebaut: Sie zeigen auf dem Titelblatt die Schutzheiligen der betreffenden Klöster, zum Teil mit deren Attributen. Ein Faltblatt im Inneren der Handschrift enthält eine Ansicht der verschiedenen Gebäulichkeiten. Dazwischen steht in Murers kleiner, zierlicher Schrift die Legende zu den einzelnen Bauten.
  • Der vorläufige Charakter der Handschrift zeigt sich darin, dass immer wieder Durchstreichungen, Einschübe und Überklebungen vorkommen. So sind zwischen Bl. 14 und 15 acht Blätter einer kleineren Handschrift über Wahlafrid Strabo eingebunden. Ausserdem ist bei den Wappen der Stifter und Amtsherren des Klosters Reichenau die Kolorierung nicht ausgeführt.
  • Eine offene Frage, die sich im Zusammenhang mit Murers Chronik des Klosters Reichenau stellt, ist diejenige nach der Hand, welche die Federzeichnungen geschaffen hat. Die Legenden zu den verschiedenen Zeichnungen stammen zweifellos von Murer; jedoch ist nicht sicher, ob er auch die Bilder gestaltet hat. Knoepfli vermutet im zweiten Band der Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau (S. 73), dass die ähnlich gestalteten Veduten der Klöster von Fischingen und St. Katharinental in den entsprechenden Chroniken Murers vom Winterthurer Glasmaler Hans Jeggli geschaffen worden seien. Auch bei der Herstellung seines Hauptwerkes, der „Helvetia Sancta“, einer Lebensbeschreibung der Schweizer Heiligen, die 1648, also zehn Jahre nach Murers Tod, bei David Hautt in Luzern erschienen war, hat Murer für die bildlichen Darstellungen einen auswärtigen Künstler beigezogen: Den Konstanzer Bildhauer und Maler Hans Asper.
Provenance of the manuscript: Die Handschrift Murers mit der Chronik des Klosters Reichenau ist nach ihrer Fertigstellung um 1627 wie die anderen Chroniken, die für das „Theatrum Ecclesiasticum Helvetiorum“ vorgesehen waren, in der Kartause Ittingen geblieben. Vermutlich ist sie erst nach der Aufhebung der thurgauischen Klöster im Jahre 1848ff. in die Kantonsbibliothek Thurgau gelangt, wo sie wahrscheinlich auch gebunden wurde.
Bibliography:
  • Marmor, J.: Kurze Geschichte der kirchlichen Bauten und deren Kunstschätze auf der Insel Reichenau / J[ohann Friedrich] Marmor, Konstanz 1873.
  • Kuhn, Konrad: Thurgovia Sacra : Geschichte der thurgauischen Klöster. Bd. II. Zweite Lieferung: Ittingen und Kreuzlingen / Konrad Kuhn. Frauenfeld 1879, S. 197-199.
  • Meyer von Knonau, Gerold: Heinrich Murer, in: ADB 23 (1886), S. 60.
  • Meyer von Knonau, Gerold: Gallus Oehem, in: ADB 24 (1887), S. 179-181.
  • Meier, Gabriel: Der Karthäuser Heinrich Murer und seine Schriften / Gabriel Meier. Stans 1900 (SA: Der Geschichtsfreund ; Bd. 55), S. 1-38.
  • Knoepfli, Albert: Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau. Bd. II: Der Bezirk Münchwilen / von Albert Knoepfli. Basel 1955.
  • Früh, Margrit: Die Vorzeichnungen von Hans Asper (d.J.) zu Heinrich Murers "Helvetia Sancta" in der Kantonsbibliothek Frauenfeld / von Margrit Früh. (SA: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte Bd. 45 (1988), S. 179-206).
  • Luginbühl, Marianne: Die Werke Heinrich Murers und andere Handschriften aus der Kartause Ittingen / Marianne Luginbühl. Überarb. Fassung des Vortrags vom 30. Mai 1994 im Staatsarchiv Schaffhausen. Unpubliziert.
  • Tremp, Ernst: Eremus und Insula : St. Gallen und die Reichenau im Mittelalter : Katalog durch die Ausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen (3. Dezember 2001 - 10. November 2002) / von Ernst Tremp, Karl Schmuki und Theres Flury. St. Gallen 2002, S. 17-19, S. 38-39.